Interview mit Kleinkünstlerin Michelle

Könntest du dich bitte kurz für die Leute vorstellen, die dich noch nicht kennen? Mein Name ist Michelle Patricia, ich bin 19 Jahre alt und freischaffende Kleinkünstlerin. In meinen Bildern und Texten verarbeite ich Emotionen und Gedanken, welche sich in meinem Kopf auftürmen. Das ist nicht immer positiv, gesellschaftskonform oder mit klaren Worten zu übersetzen. Aber spürbar …

Seit wann zeichnest du und wann hast du angefangen deine Emotionen in deinen Zeichnungen zu verarbeiten? Inspiriert an meiner Mutter, war das Zeichnen schon von klein auf meine Leidenschaft. Ich wollte so sein wie sie und habe schnell gemerkt, dass ich ihren Drang nach schöpferischer und kreativer Arbeit auch in mir trage. Je älter ich wurde, desto häufiger habe ich Krisen erlebt. Ab da habe ich angefangen, den Schmerz in meiner Brust ein Gesicht zu geben. Das war nicht einfach zuzulassen. Mein Umfeld war zunächst sehr abgeschreckt von den Wesen, die da von mir auf Papier gebracht wurden. Es ist schwer als so junger Mensch hinter seinen Bildern zu stehen, wenn alle neben dir ihr Gesicht verziehen. Jetzt stehe ich hinter meinen Bildern. Und ich möchte die Menschen dazu ermutigen die Bilder, die sie in sich tragen und raus möchten, auch herauszulassen.

Was hat dich dazu inspiriert deine Gefühle in deiner Kunst widerzuspiegeln? Ich weiß nicht ob es Inspiration war. Eher ein ganz natürlicher Drang. Die Suche und das Finden eines Ventils. Ich habe schon immer sehr intensiv gefühlt. Das haben nicht immer alle Menschen verstanden. Vielleicht war es auch der Versuch mich zu erklären und für mich einzustehen um endlich mal sagen zu können: „meine Gefühle sind auch wichtig“.

Inwiefern hat dir deine Kunst geholfen mit deiner Situation umzugehen? Wie ich schon gesagt habe, sie war Ventil für mich. Meine Bilder waren aber auch Worte, die ich nicht aussprechen konnte. Sie haben mir in schweren Zeiten geholfen mich nicht zu isolieren, sondern mich den Menschen zu öffnen.

Wie kam es dazu, dass du deine Zeichnungen zum Beispiel auf T-Shirts druckst? Ich hatte einfach Lust dazu. Ich persönlich bin großer Fan von Textilprints, die nicht nur cool aussehen, sondern auch etwas dahinter steckt. Ich unterstütze lieber ausgefallene Kleinkünstler, mit viel Liebe für Details und die Verantwortung für die Auswahl an Produktionsmaterialien in sich tragen, als große Konzerne die bloß für den größtmöglichen Konsum produzieren. Also wollte ich das auch machen. Natürlich lässt sich eine Message auf einem T-Shirt auch viel besser verbreiten als auf einem einzigen Bild.

Kannst du etwas dazu sagen, wie der Prozess von deinen Zeichnungen bis zu dem fertig gedruckten T-Shirt vonstattenging? Meine Linienzeichnungen für die T-Shirts sind meist sehr intuitiv entstanden. Meine Hand bewegt sich ohne ein Thema oder Motiv im Kopf zu haben. Dann ist da plötzlich ein Gesicht, wo in der Realität keines wiederzufinden ist. Gegenstände werden lebendig die eigentlich keinen Herzschlag kennen. Oft weiß ich im ersten Moment auch nicht was meine Bilder bedeuten, das ist ein Prozess. Je reflektierter ich werde und mich selbst kennenlerne, desto besser verstehe ich meine Kunst. Auch der Text entsteht intuitiv und stammt aus meinem Unterbewusstsein. So ist beispielsweise das „I JUST DON´T WANT THIS SHIT ANYMORE“ Motiv entstanden. Wir werden von allem was wir konsumieren beeinflusst. Alles was wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Als ich meine Motive hatte, habe ich mich auf die Suche nach Fair gehandelten, klimaneutralen und aus biologischen Materialien gefertigten T-Shirts gemacht. Das war gar nicht so einfach, weil es nicht so eine breite Produktpalette gibt, wie bei den kommerziellen Shirts. Außerdem war mir einfach ein gewisser Schnitt noch wichtig, der nicht immer vorhanden war. Wenn ich dann ein Produkt gefunden habe, welches mir gefällt, habe ich erste Probedrucke bestellt. Bis zum kauffertigen T-Shirt hat es dann noch einige Wochen gedauert.

Wie fühlst du dich, wenn du Leute mit deinen T-Shirts auf der Straße triffst? Ich freue mich immer wieder riesig. Ich verkaufe die T-Shirts und gebe mir immer sehr viel Mühe sie liebevoll zu verpacken. Das ist mir sehr wichtig, da ich unglaublich dankbar bin, für jede Unterstützung die ich erhalte. In den Motiven sind Themen verpackt die mich selbst und meine Liebsten betreffen. Ich will wirklich, dass sich was verändert. Dann bekomme ich Bilder über Instagram geschickt von diesen wunderbaren Menschen die meine T-Shirts tragen, die Kunst nachfühlen können und mit dem Motiv für sich selbst einstehen. Es macht mich einfach sehr glücklich.

Kannst du etwas dazu sagen, wie du dich durch instablefairies.com weiterentwickelt hast? Im letzten Jahr habe ich gelernt für meine Bilder und für mich einzustehen. Ich wusste nie etwas mit den Bildern, die ich gezeichnet habe, anzufangen. Sie gehörten zu meiner eigenen geheimen Welt. Sowie ich auch meine Verletztheit und Dunkelheit stets versteckt hielt. Als ich in der Therapie gelernt habe, dass auch mein Schmerz wichtig ist, habe ich angefangen auch meine Bilder nicht zu verstecken. So gehörten meine Instagram Seite, meine Website und die Ausstellung, die ich im Juli 2018 gemacht habe, zu einem Prozess, des „mich zeigens“. Ich bin selbstbewusster und mutiger geworden. Das wünsche ich auch den Menschen da draußen. Man muss sich nicht verstellen, nicht etwas sein was man nicht ist. Aber sich zeigen, den Menschen Eintritt in sein Leben zu gewähren, Nähe zuzulassen hat mir ein ganzes Stück mehr Lebensqualität und vor allem Willen gegeben.

Muriel Bohsung

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